Der vordere und der hintere Raum

Innere Personen im vorderen Raum

Wir können in unserem alltäglichen Fühlen und Handeln verschiedene Anteile ausmachen, die wir wie sehr unterschiedliche Personen erleben können.

Es gibt in einem Menschen nicht beliebig viele, sondern nur eine überschaubare Anzahl dieser inneren Anteile. Sie verändern sich auch nicht unablässig, sondern sie sind konstant, wie reale Personen. Deshalb nenne ich sie die „Inneren Personen“.

Überraschend ist nun, dass es möglich ist, eine Innere Person gezielt und wiederkehrend aufzusuchen. Wir können uns wie zu einem Rendezvous mit ihr verabreden. Wir erleben dann nur sie, unabhängig von anderen Inneren Personen, die es in diesem Menschen auch noch gibt. Auf diese Art lernen wir eine Innere Person kennen. Später werden wir noch eine andere Innere Person von diesem Menschen kennen lernen. Und später noch eine.

Jede Innere Person hat eine gewisse Autonomie. Sie hat ihre eigene Art, auf die Welt und die Menschen zu schauen; sie hat Gefühle, Gedanken und Sichtweisen, die speziell sie auszeichnen.

Eine Innere Person kann sich weiblich, männlich oder kindlich anfühlen. Sowohl Frauen wie Männer haben also weibliche, männliche und kindliche innere Anteile.

Die Hauptperson

Die Hauptperson ist die Innere Person in uns, mit der wir uns am stärkesten identifizieren. Von ihr würden wir sagen: „So bin ich.“

Dieses „Ich“ ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Manche Hauptpersonen sind offen und kommunikativ. Sie lächeln,  plaudern und schaffen es, dass man sie gleich mag. Die Hauptperson eines anderen Menschen ist ganz anders: Sie will nicht auffallen, sie redet wenig und hält sich stets im Hintergrund. Die Hauptperson eines dritten Menschen verhält sich nochmal anders: Sie ist immer nur mit Arbeit beschäftigt und versucht unablässig einen Berg unerledigter Aufgaben abzuarbeiten, der aber doch nie kleiner zu werden scheint.

Das Innere Kind

Das Innere Kind ist eine Innere Person, die sich, unabhängig vom tatsächlichen Alter eines Menschen, sehr jung anfühlt.

Ein Inneres Kind wird nie erwachsen – und das ist auch nicht seine Aufgabe. Auch 80-Jährige finden in sich, wenn sie hinschauen, ein Inneres Kind.

Innere Kinder sind sehr empfindsam. Jede Unstimmigkeit spüren sie sofort. Wenn es ihnen gut geht, sind sie lebendig und kreativ, ein Quell reiner Lebensfreude. Wenn es ihnen schlecht geht, sind sie zurückgezogen, sprechen kaum und haben keine Lust „zu spielen“.

Bei Konflikten mit anderen Menschen kommen die Inneren Kinder schnell in Not. Vor allem sie empfinden Angst oder Schmerz. Oft möchten sie etwas tun, damit es besser wird, aber sie fühlen sich ohnmächtig.

Manche Inneren Kinder sind aber auch wütend oder beleidigt. Sie möchten, dass ein Unrecht, das ihnen widerfahren ist, anerkannt und wieder gut gemacht wird.

Oft ist es die Not eines Inneren Kindes, die einen Menschen überhaupt dazu bringt, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Weggesperrte Innere Personen

Es gibt Innere Personen, die “weggesperrt” worden sind. In diesem Fall muss es eine andere, mächtigere Innere Person geben, die nicht will, dass diese Innere Person in Erscheinung tritt. Die mächtigere Innere Person muss der Meinung sein, dass es für diesen Menschen schlecht oder gefährlich wäre, wenn die weggesperrte Innere Person in seinem Leben vorkommt.

Eine weggesperrte Innere Person kann beispielsweise eine Künstlerin, ein Don Juan, ein verspieltes Kind, ein spirituelle Heilerin oder ein wilder Abenteurer sein.

Wird eine weggesperrte Innere Person aufgesucht, freut sich diese meist, endlich gesehen zu werden. Sie möchte eigentlich in die Welt kommen, sie möchte am Leben teilnehmen – aber das gelingt ihr nicht. Nur in Ausnahmesituationen oder Phantasien darf sie mal kurz auftauchen.

Doch auch die Begleiterin kann eine weggesperrte Innere Person nicht grundsätzlich aus ihrem Gefängnis befreien. Begegnet man ihr, gleichen die Treffen eher „Gefangenenbesuchen“.

Geschenk und Begrenzung

Im vorderen Raum finden wir etwa fünf bis zehn Innere Personen. Jede dieser Inneren Personen ist anders. Jede hat ihre Vorlieben und Abneigungen, jede trägt ein Geschenk in sich und hat gleichzeitig eine Begrenzung. Jede von ihnen lebt wie in einer eigenen Welt. Durch ihre Augen sieht die Welt genau so aus, wie sie die Welt sieht. Ist jedoch eine andere Innere Person anwesend, sieht genau die gleiche Welt ganz anders aus.

Als Begleiterin halte ich mich mit den Inneren Personen des vorderen Raumes jedoch nur so lange auf, bis sich die Tür zum hinteren Raum öffnet…

Das Verborgene Ich im hinteren Raum

Lassen wir uns auf die Inneren Personen im vorderen Raum ein, taucht früher oder später ein sehr mächtiger innerer Anteil auf, der sich bis dahin verborgen gehalten hat: das Verborgene Ich.

Das Verborgene Ich hat grundsätzlich eine andere Qualität als alle Inneren Personen, die sich bis dahin gezeigt haben. Es ist machtvoll und selbstbestimmt, aber auch misstrauisch und zurückgezogen. Es hofft nicht auf Anteilnahme und Verständnis, denn es hat alle direkten Beziehungen zu den Menschen längst aufgegeben. Nur indirekt wirkt es auf das Leben des betroffenen Menschen ein, indem es die Inneren Personen im vorderen Raum in seinem Sinne steuert oder ihnen durch sein Wegsein die Kraft entzieht.

Für das Verborgene Ich wirkt alles, was die Inneren Personen im Vorderen Raum erlebt haben, wie ein Kinderspiel. Für das Verborgene Ich hat das alles keine Bedeutung. Es nimmt nicht mehr am Leben teil und nur darum geht es ihm. Solange es das Leben nicht auch als sein Leben versteht, fühlt sich der Mensch unerfüllt und kraftlos.

Die Haltung des Verborgenen Ich lässt sich nicht unmittelbar beeinflussen. Die Begleiterin kann sich nur auf sein So-Sein einlassen und mit ihm darin „Zeit verbringen“. Durch diese immer wieder stattfindenden Begegnungen bekommt das Verborgene Ich ein Gefühl für sich selbst. Es dämmert ihm allmählich, wie es geworden ist und welche Haltung es gegenüber den Menschen und der Welt einnimmt.

Wie bei einem immer vollständiger werdenden Puzzle werden allmählich neue Zusammenhänge deutlich, und scheinbar widersinnige Phänomene erklären sich. Der Mensch versteht, warum sein Leben so verlaufen musste, wie es verlaufen ist. Selbst destruktive Verhaltensmuster ergeben aus diesem Blickwinkel plötzlich Sinn.

Die Methode

Vom Inhalt zur Struktur

Normalerweise geht es in einem Gespräch um „Inhalte“. Jemand erzählt beispielsweise von seinem letzten Urlaub. Wir erfahren, was er erlebt hat, wie das Wetter war, wie das Essen und die Unterkunft. Der Inhalt dieses Gespräches ist also dieser Urlaub.

Bei der Inneren-Personen-Arbeit interessieren wir uns jedoch für etwas anderes. Wir fragen uns: Wer, also welche Innere Person, ist gerade anwesend in diesem Gespräch? Und wie fühlt sich diese Innere Person an?

Vielleicht hat die Erzählerin leuchtende Augen wie ein Kind, und es sprudelt nur so aus ihr heraus, oder aber sie spricht wie eine nüchterne Buchhalterin, die ihr Protokoll akkurat, aber ohne jede innere Beteiligung abliefert, oder aber sie wirft uns nur ein paar Brocken hin, wie ein knurriger Einsiedler, der eigentlich gar nicht erzählen will.

Das „Kind“, die „Buchhalterin“ oder der „Einsiedler“ sind Beispiele für Innere Personen, die hervortreten können. Würde die erzählende Frau auf eine dieser Arten vom Urlaub erzählen, gäbe es diese Innere Person aber nicht nur während dieser einen Erzählung. Es gäbe sie grundsätzlich in ihr.

Durch die Frage nach dem „Wer“ kann ich also herausfinden: „Ach so, es gibt ein sprudelndes Kind, eine nüchterne Buchhalterin oder einen knurrigen Einsiedler in diesem Menschen.“

Eine Innere Person lässt sich also ganz unmittelbar und direkt erfahren. Begegnen wir im Laufe der Zeit mehreren Inneren Personen und schlussendlich auch dem Verborgenen Ich, bekommen wir allmählich ein Gefühl für die Struktur unserer Innenwelt.

Ähnlich-Sein

Sind wir einem Menschen ähnlich, haben wir die gleiche Wellenlänge. Wir sprechen die „gleiche Sprache“. Wir fühlen uns verstanden und entspannen uns.

Dieses Phänomen nutzen wir in der Inneren-Personen-Arbeit.

In der unmittelbaren Begegnung mit einer Inneren Person sucht die Begleiterin eine Innere Person in sich selbst auf, die der ihres Gegenübers ähnelt.
Ist also eine Innere Person einer Klientin freundlich, aber ausweichend, wird auch die Begleiterin zugewandt, aber unverbindlich sein; ist eine Innere Person witzig und schlagfertig, schlägt auch sie die Bälle frech zurück; ist eine Innere Person stumm und verschlossen, ist auch sie wortkarg und zurückgezogen.

Die Innere Person erfährt auf diese Weise: „Ach so, die Begleiterin ist ja ganz ähnlich wie ich, dann ist das ja ok, dann darf man hier wohl so sein!“ Die Innere Person entspannt sich.

Etwas Erstaunliches geschieht: In der Entspannung vertieft sich der Zustand der Inneren Person. Sie kann ihre Befindlichkeit, ihr So-Sein noch tiefer erkennen. Sie spürt: „Genau so bin ich.“

Der Selbstschutz des Veborgenen Ich

Das eigentliche Ich, unser Wesenskern, hat in unserem Leben bald gelernt, dass es so, wie es eigentlich ist, nicht willkommen ist. Es hat erfahren, dass es, wenn es einfach ist, wie es ist, nicht verstanden wird, ins Leere läuft oder sogar angegriffen wird.

Für ein Kind und einen heranwachsenden Menschen ist das äußerst bedrohlich. Die Liebe und die freundliche Zuwendung der Eltern und der Gemeinschaft sind für das Kind existentiell.

So hat unser eigentliches Ich begonnen, sich hinter den Inneren Personen zu verstecken und wurde so zum Verborgenen Ich. Doch war auch dieser Schutz  anscheinend nicht ausreichend. Wenn wir das Verborgene Ich aufsuchen, finden wir es mit massiven Schutzschichten gepanzert vor. Diese hat es um sich aufgebaut.

Diese Schutzschichten sind Reaktionen auf die Umstände, die es in seinem frühen Leben vorgefunden hat – sie werden zu chronischen Reaktionsschichten.

In der Kindheit waren diese Reaktionsschichten hilfreich. Sie halfen dem Verborgenen Ich mit den Menschen klarzukommen, die es umgaben. Schwierig aber ist, dass der erwachsene Mensch diese Reaktionsschichten noch immer in sich trägt. Selbst wenn er sie als solche spürt, kann er sie nicht einfach abstreifen wie ein altes Kleid, das er weg legt.

Verändern durch Nicht-Verändern

Die große Frage ist: Wie findet das Verborgene Ich zu seinem ursprünglichen Wesenskern, zu seinem heilen Sein? Wie kann es auf seinen so gewohnten Schutz verzichten? Wie kann es zu der Quelle in seiner Tiefe, zu seinem eigentlichen Ich zurück finden?

Sich einfach nur vorzunehmen, die Schutzschichten abzulegen, wird nicht funktionieren. Übungen und Selbstkontrolle helfen nicht nachhaltig. Zu tief sind die Reaktionsschichten mit dem Verborgenen Ich verschmolzen. Sie sind wie zu einer zweiten, dritten und vierten Haut geworden.

Das Verborgene Ich hat den Weg zurück zu seiner Quelle, zu seinem ursprünglichen Sein, vergessen. Es hat nur noch eine diffuse Ahnung von einer tiefen Wunde, die es aus sehr früher Zeit in sich trägt. Nicht umsonst begann es sich zu schützen. Zu diesem Ort der alten Verletzung will es nie wieder hin! So fürchtet es sich, sich seiner Quelle zu nähern, denn da wohnt auch der alte Schmerz.

So ist das Verborgene Ich Meister der Nicht-Veränderung. Es besteht auf seinem Schutz. Egal ob man es mit Lob oder subtilem Druck zu Veränderungen zu bewegen versucht, es geht nicht. Es will sich nicht verändern.

Doch das quält das Verborgene Ich nicht. Es hat mit diesem Leben sowieso schon längst abgeschlossen. Es will nur noch in Ruhe gelassen werden.

Was also ist möglich?

Ich kann als Begleiterin mit dem Verborgenen Ich “Zeit verbringen”. Ich kann mich mit ihm in seinen Reaktionsschichten aufhalten und mich immer weiter auf diese einlassen.

Das Verborgene Ich spürt: Ich muss nicht anders sein. Selbst wenn ich verschlossen bin, selbst wenn ich keinen Kontakt will, ich muss nicht anders sein. – Das entkrampft. Es muss nicht kämpfen. Es muss sich nicht verteidigen. Es muss noch nicht mal vom Alten „loslassen“. Es erfährt keinerlei Druck.

Und genau da geschieht das Unerwartete: Das Verborgene Ich entspannt. – Es tut das nicht, weil es das soll, sondern, weil es einfach passiert. Es kann sozusagen die Entspannung nicht verhindern.

Es ist ein Paradox: Gerade durch das Nicht-anders-sein-müssen vertieft sich der Zustand des Verborgenen Ich – und verändert sich  dadurch. Veränderung geschieht also, ohne dass sich das Verborgene Ich aktiv darum bemüht. Seine aktive Bemühung würde diesen Schritt sogar verhindern! Nur im Damit-da-sein „sinkt“ es tiefer und spürt sich damit auch tiefer. Es kommt seinem ursprünglichen Sein einen kleinen Schritt näher.

Die Quelle

Unter allen Reaktionsschichten schlummert die Quelle des Verborgenen Ich, sein ursprünglicher Wesenskern. Die Quelle ist sein eigentliches Zuhause. Das Verborgene Ich spürt, so bin ich gemeint, so bin ich in meinem einzigartigen und unverkennbaren Wesen. Es ist jetzt nicht mehr verborgen. Es spürt seine Liebe und sein Verbundensein mit dem Ganzen. Von der Quelle aus möchte es seinen Teil zum Ganzen beitragen, es möchte „sich verschenken“ – und zwar nicht, weil es das sollte, sondern weil es erfüllend ist, sich in die Welt zu geben.

Der Weg zur Quelle ist lang. Ihn zu gehen ist eine Lebensaufgabe.

Die Erforscher der Methode

Hal und Sidra Stone

Hal und Sidra Stone (MD), renommierte Psychotherapeuten in den USA, fanden fast zufällig heraus, dass der Mensch aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Sie entdeckten, dass diese inneren Anteile unmittelbar ansprechbar sind. In der von ihnen entwickelten Methode Voice Dialogue, führen sie mit den einzelnen Stimmen, wie sie diese Anteile nennen, eine Art Interview.
http://delos-inc.com/

Artho Wittemann

Artho Wittemann (HP Psych.) war Schüler von Hal und Sidra Stone und entwickelte ihren Ansatz weiter. Ihm fiel auf, dass sich die Anteile nicht nur wie beliebig viele Stimmen, sondern eher wie „Innere Personen“ verhalten. Er entwickelte die komplexe Theorie der IndividualSystemik.
https://www.individualsystemics.com/de/

Gabrielle Riek

Gabrielle Riek (HP Psych.) war Schülerin von Artho Wittemann, bis es 2009 zum Bruch kam. Ihre Arbeit basiert noch heute auf dem bei ihm Gelernten. Sie richtet ihre Arbeit allerdings langfristig ganz auf das Verborgene Ich aus, da seine Haltung unser Leben grundlegend bestimmt.