Was sind „Innere Personen“?

Wir können in unserem Inneren verschiedene Anteile ausmachen. Ein Anteil mag beispielsweise heiter und den Menschen zugewandt sein, der anderer ist zurückgezogen und will von den Menschen nichts wissen. Ein innerer Anteil mag verträumt und sehnsüchtig sein, ein anderer pflichtbewusst und arbeitsam. Es gibt in einem Menschen nicht beliebig viele, sondern nur eine überschaubare Anzahl dieser inneren Anteile. Sie verändern sich auch nicht unablässig, sondern sind konstant, wie eine eigene Person. Deshalb nenne ich sie die „Inneren Personen“.

Überraschend ist nun, dass es möglich ist, eine Innere Person gezielt und wiederkehrend aufzusuchen. Wir können uns wie zu einem Rendezvous mit einer Inneren Person verabreden. Wir spüren dann nur sie, unabhängig von anderen Inneren Personen, die es in diesem Menschen auch noch geben mag. Auf diese Art lernen wir eine Innere Person kennen. Später lernen wir eine andere Innere Person von diesem Menschen kennen. Und später noch eine.

Jede Innere Person hat eine gewisse Autonomie, sie hat ihre eigene Art, auf die Welt und die Menschen zu schauen, sie hat Gefühle und Gedanken, die speziell sie auszeichnen. Und manchmal erzählt sie der Begleiterin, dem Begleiter, was ihre Aufgabe im Leben dieses Menschen ausmacht.

Eine Innere Person kann sich weiblich, männlich oder kindlich anfühlen. Innere Personen können sich stark und selbstbewusst fühlen oder verunsichert und hilfsbedürftig. Sie können emotional und empfindsam sein oder rational und distanziert, sie können beredt sein oder schweigsam, vertrauensselig oder misstrauisch. Innere Personen sind also so vielfältig, wie die ganzen Menschen um uns herum.

Durch das Kennenlernen der verschiedenen Inneren Personen wird die Innenwelt eines Menschen als ein logisch gegliedertes System erkennbar.

Dieses System teilt sich auf in ein Vorderes und ein Hinteres System.

Das Vordere System

Die Hauptperson

Die Hauptperson im Vorderen System ist die Innere Person, von der jemand sagt: „So bin ich.“

Dieses „Ich“ ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Manche Hauptpersonen sind offen und kommunikativ. Sie lächeln, sie plaudern und schaffen es, dass man sie gleich mag. Die Hauptperson eines anderen Menschen mag ganz anders sein: Sie will gar nicht gesehen werden. Sie hat sogar herausgefunden, wie man sich „unsichtbar“ macht. Sie verhält sich so, dass man sich kaum an sie erinnert. Die Hauptperson von einem dritten Menschen verhält sich nochmal anders: Sie will immer nur arbeiten und versucht unablässig einen Berg unerledigter Aufgaben abzubauen, der aber doch nie kleiner zu werden scheint.

Jede Hauptperson ist anders. Von außen ist sie leicht zu erkennen. Für uns selbst aber ist sie so „normal“, dass wir meist gar nicht merken, dass auch sie „nur“ eine Innere Person von uns ist.

Das innere Kind

Das Innere Kind ist eine Innere Person, die sich, unabhängig vom tatsächlichen Alter eines Menschen, sehr jung anfühlt. Ein Inneres Kind kann sich wie ein Kleinkind oder aber auch älter, wie ein Schulkind anfühlen.

Ein Inneres Kind wird nie erwachsen – und das ist auch nicht seine Aufgabe. Auch 80-Jährige finden in sich, wenn sie hinschauen, ein Inneres Kind.

Innere Kinder sind sehr empfindsam. Jede Unstimmigkeit spüren sie sofort. Wenn es ihnen gut geht, sind sie lebendig und kreativ, ein Quell purer Lebensfreude. Wenn es ihnen schlecht geht, sind sie zurückgezogen, sprechen kaum und haben keine Lust „zu spielen“.

Bei Konflikten mit anderen Menschen kommen die Inneren Kinder in Not. Vor allem sie empfinden Angst oder Schmerz. Oft möchten sie etwas tun, damit es besser wird, aber sie fühlen sich ohnmächtig.

Manche Inneren Kinder sind aber auch wütend oder beleidigt. Sie möchten, dass ein Unrecht, das ihnen widerfahren ist, anerkannt und wieder gut gemacht wird.

Oft ist es die Not eines Inneren Kindes, die einen Menschen überhaupt dazu bringt, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Weggesperrte Innere Personen

Es gibt Innere Personen, die „weggesperrt“ sind. In diesem Fall muss es eine andere, mächtigere Innere Person geben, die nicht will, dass diese Innere Person in Erscheinung tritt. Die mächtigere Innere Person muss der Meinung sein, dass es für diesen Menschen schlecht oder gefährlich wäre, wenn die weggesperrte Innere Person in seinem Leben vorkommt.

Eine weggesperrte Innere Person kann beispielsweise eine erotische Frau sein, ein Don Juan, ein verspieltes Kind, ein stiller Mönch oder ein wilder Abenteurer.

Wird eine weggesperrte Innere Person aufgesucht, freut sich diese, endlich gesehen zu werden. Sie möchte eigentlich in die Welt kommen, sie möchte am Leben teilnehmen – nur es gelingt ihr nicht. Nur in Ausnahmesituationen oder in Phantasien darf sie mal kurz auftauchen.

Auch die Begleiterin, der Begleiter kann eine weggesperrte Innere Person nicht grundsätzlich aus ihrem Gefängnis befreien. Begegnet man ihnen, gleichen die Treffen eher „Gefangenenbesuchen“.

Andere Innere Personen

Im Vorderen System finden wir etwa fünf bis zehn Innere Personen. Jede dieser Inneren Personen ist anders. Jede hat ihre Vorlieben und Abneigungen, jede hat ein Geschenk und eine Begrenzung. Jede dieser Inneren Personen kann man kennenlernen. Jede von ihnen lebt wie in einer eigenen Welt. Durch ihre Augen sieht die Welt genau so aus, wie sie die Welt sieht. Ist jedoch eine andere Innere Person anwesend, sieht genau die gleiche Welt ganz anders aus.

Als Begleiterin halte ich mich jedoch mit den Inneren Personen des Vorderen Systems nur so lange auf, bis sich die Tür zum Hinteren System öffnet…

Das Hintere System

Die verborgene Machtperson

Lassen wir uns auf die Inneren Personen des Vorderen Systems ein, taucht früher oder später eine sehr mächtige Innere Person auf, die sich bis dahin verborgen gehalten hat.

Diese Verborgene Machtperson hat eine grundsätzlich andere Qualität als alle Inneren Personen, die sich bis dahin gezeigt haben. Sie ist machtvoll und selbstbestimmt, aber auch misstrauisch und zurückgezogen. Sie hofft nicht auf Anteilnahme und Verständnis, denn sie hat alle direkten Beziehungen zu den Menschen längst aufgegeben. Sie wirkt nur indirekt auf das Leben des betroffenen Menschen ein, indem sie die Inneren Personen des Vorderen Systems in ihrem Sinne steuert oder ihnen durch ihr Wegsein Kraft entzieht.

Für die Verborgene Machtperson wirkt alles, was mit den Inneren Personen des Vorderen Systems erlebt wurde, wie ein Kinderspiel. Es hat für sie keine Bedeutung.

Die Verborgene Machtperson nimmt am Leben nicht mehr teil und nur darum geht es ihr. Solange sie nicht lebt, solange sie das Leben nicht auch als ihr Leben begreift, fühlt sich dieser Mensch insgesamt machtlos und unerfüllt.

Die Haltung der Verborgenen Machtperson lässt sich nicht unmittelbar beeinflussen. Der Begleiter, die Begleiterin kann sich nur auf sie einlassen und mit ihr viel Zeit verbringen. Durch diese immer wieder stattfindenden Begegnungen beginnt die Verborgene Machtperson ein Gefühl für sich selbst zu bekommen. Ihr dämmert allmählich, wie sie geworden ist und welche Haltung sie gegenüber den Menschen und der Welt einnimmt.

Es gibt eine oder zwei, selten drei, Verborgene Machtpersonen in einem Inneren System.

Die Methode

Vom Inhalt zur Struktur

Normalerweise geht es in einem Gespräch um „Inhalte“. Jemand erzählt beispielsweise von seinem letzten Urlaub. Wir erfahren, was er erlebt hat, wie das Wetter war, wie das Essen und die Unterkunft. Der Inhalt dieses Gespräches ist also dieser Urlaub.

Bei der Inneren-Personen-Arbeit interessieren wir uns jedoch für etwas anderes. Wir fragen uns: Wer, also welche Innere Person, ist gerade anwesend in diesem Gespräch? Und wie fühlt sich diese Innere Person an?

Vielleicht hat die Erzählerin leuchtende Augen wie ein Kind, und es sprudelt nur so aus ihr heraus, oder aber sie spricht sachlich wie eine Buchhalterin, die ihr Protokoll akkurat, aber ohne jede innere Beteiligung abliefert, oder aber sie wirft uns nur ein paar Brocken hin, wie ein knurriger Mann, der eigentlich gar nicht erzählen mag.

Das „Kind“, die „Buchhalterin“ oder der „knurrige Mann“ sind Beispiele für Innere Personen, die vorkommen könnten. Würde diese Innere Person vom Urlaub erzählen, gäbe es sie aber nicht nur in dieser einen Erzählung. Es gäbe sie grundsätzlich in diesem Menschen.

Durch die Frage nach dem Wer kann ich also herausfinden: „Ach so, es gibt ein sprudelndes Kind, eine nüchterne Buchhalterin oder einen knurrigen Mann in mir.“

Eine Innere Person lässt sich also ganz unmittelbar und direkt erfahren. Begegnen wir im Laufe der Zeit mehreren Inneren Personen, bekommen wir allmählich ein Gefühl für die Struktur unserer Innenwelt.

Gleich-zu-Gleich

Sind wir einem Menschen ähnlich, haben wir die gleiche Wellenlänge. Wir sprechen „die gleiche Sprache“. Wir fühlen uns verstanden und entspannen uns.

Dieses Phänomen nutzen wir in der Inneren-Personen-Arbeit.

In der unmittelbaren Begegnung mit einer Inneren Person wird der Begleiter, die Begleiterin ähnlich wie diese. Man sucht eine Innere Person in sich auf, die der des Gegenübers ähnelt.
Ist also eine Innere Person einer Klientin freundlich, aber ausweichend, werde auch ich als Begleiterin zugewandt, aber unverbindlich sein; ist eine Innere Person witzig und schlagfertig, schlage auch ich die Bälle frech zurück; ist eine Innere Person stumm und verschlossen, werde auch ich wortkarg und zurückgezogen.

Die Innere Person erfährt auf diese Weise: „Ach, die Begleiterin ist ja ganz ähnlich wie ich, dann ist das ja ok, dann darf man hier wohl so sein!“ Die Innere Person entspannt sich.

Etwas Erstaunliches geschieht: In der Entspannung vertieft sich der Zustand der Inneren Person. Sie kann sich in der Vertiefung Ihres Zustandes tiefer wahrnehmen, sie spürt immer deutlicher: „Genau so bin ich.“

Reaktionsschichten

Die Verborgenen Machtpersonen haben in ihrem Leben Schutzschichten gebildet. Sie haben erfahren, dass sie, wenn sie einfach sind, wie sie sind, nicht verstanden werden, dass sie ins Leere laufen oder sogar angegriffen werden.

Für ein Kind und einen heranwachsenden Menschen ist das äußerst bedrohlich. Er braucht die Liebe und die freundliche Zuwendung der Eltern und der Gemeinschaft. So lernt sich die Verborgene Machtperson zu verstellen und zu verstecken.  Sie verbiegt sich und versucht anders zu sein, als sie eigentlich ist. Mit Schutzschichten reagiert sie auf die Umstände, die sie in ihrem Leben vorfindet.

In der Kindheit sind diese Reaktionsschichten der Verborgenen Machtperson als Schutzschichten hilfreich. Sie ermöglichen, dass dieser Mensch überhaupt einen Weg findet, mit den Menschen auszukommen, die ihn umgeben. Schwierig aber ist, dass der erwachsene Mensch, der sein Leben ergreifen will, diese Reaktionsschichten immer noch in sich trägt. Selbst wenn er sie als solche spürt, kann er sie nicht einfach abstreifen wie ein altes Kleid, das er weglegt.

Verändern durch Nicht-Verändern

Die große Frage ist: Wie findet die Verborgene Machtperson zurück zu ihrem ursprünglichen Sein? Wie kann sie auf ihren so gewohnten Schutz verzichten? Wie kann sie zu der Inneren Person werden, die sie eigentlich in ihrer Tiefe ist?

Sich einfach nur vorzunehmen, ab sofort von den Schutzschichten abzulassen, funktioniert nicht. Übungen und Selbstkontrolle helfen nicht. Zu tief sind die Schutzschichten mit der Verborgenen Machtperson verwachsen. Sie sind für sie wie zu einer zweiten oder dritten Haut geworden.

Die Verborgene Machtperson hat den Weg zurück zu ihrer Quelle, zu ihrem ursprünglichen Sein, vergessen. Zudem hat sie noch eine diffuse Ahnung an eine tiefe Wunde, die sie aus früher Zeit in sich trägt. Nicht umsonst begann sie sich zu schützen! An diesen Ort will sie nie wieder hin! Nie mehr will sie diese alte Verletzung fühlen! Sie fürchtet sich, sich ihrer Quelle zu nähern, denn da wohnt auch der alte Schmerz.

So ist die Verborgene Machtperson Meister der Nicht-Veränderung. Sie besteht auf ihrem Schutz. Egal ob man sie mit Lob oder subtilem Druck zu Veränderungen zu bewegen versucht, es geht einfach nicht. Sie will sich nicht verändern und sie kann sich auch nicht verändern. Es funktioniert einfach nicht. Oder vielleicht funktioniert es kurzfristig, und dann ist es doch wieder wie vorher.

Was also ist möglich?

Als Begleiterin kann ich mit der Verborgenen Machtperson „Zeit verbringen“. Ich kann mich mit ihr in ihren verschiedenen Reaktionsschichten aufhalten und mich immer weiter auf diese einlassen.

Die Verborgene Machtperson spürt: Ich muss nicht anders sein. Selbst wenn ich verschlossen bin, selbst wenn ich Nein sage zum Kontakt, muss ich nicht anders sein. – Das entkrampft sie. Sie fühlt sich angenommen. Sie muss nicht kämpfen, sie muss sich nicht verteidigen, sie muss noch nicht einmal „loslassen“. Sie erfährt keinerlei Druck.

Und genau da geschieht das Unerwartete: Die Verborgene Machtperson entspannt sich. – Sie tut das nicht, weil sie soll, sondern weil es einfach passiert. Sie kann die Entspannung sozusagen nicht verhindern.

Es ist ein Paradox: Gerade durch das Nicht-anders-sein-müssen vertieft sich ihr Zustand – und verändert sich damit. Die Veränderung geschieht also, ohne dass sich die Verborgene Machtperson aktiv darum bemüht. Ihre aktive Bemühung würde diesen Schritt sogar verhindern! Im Nur-damit-da-sein aber „sinkt“ sie tiefer und spürt sich damit auch tiefer. Sie kommt ihrem ursprünglichen Sein einen kleinen Schritt näher.

Die Quelle

Unter allen Reaktionsschichten schlummert die Quelle der Verborgenen Machtperson, ihr ursprüngliches Sein. Die Quelle ist ihr eigentliches Zuhause. Sie spürt, so bin ich gemeint, so bin ich in meinem einzigartigen und unverkennbaren Wesen. Sie braucht sich nicht mehr zu verstellen und sie braucht sich nicht mehr zu schützen. Sie spürt ihre Liebe und sie spürt ihre Verbundenheit mit dem Ganzen. Von der Quelle aus möchte sie ihren Teil zum Ganzen beitragen, sie möchte „sich verschenken“ – und zwar nicht, weil sie es muss, sondern weil es für sie selbst erfüllend ist, sich in die Welt zu geben.

Der Weg zur Quelle ist lang. Ihn zu gehen ist eine Lebensaufgabe.

Die Erforscher der Methode

Hal und Sidra Stone

Hal und Sidra Stone (MD), renommierte Psychotherapeuten in den USA, fanden fast zufällig heraus, dass der Mensch aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Sie entdeckten, dass diese inneren Anteile unmittelbar ansprechbar sind. In der von ihnen entwickelten Methode Voice Dialogue, führen sie mit den einzelnen Stimmen, wie sie diese Anteile nennen, eine Art Interview.
http://delos-inc.com/

Artho Wittemann

Artho Wittemann (HP Psych.) war Schüler von Hal und Sidra Stone und entwickelte ihren Ansatz weiter. Ihm fiel auf, dass sich die Anteile nicht nur wie beliebig viele Stimmen, sondern eher wie „Innere Personen“ verhalten. Er entwickelte die komplexe Theorie der IndividualSystemik.
https://www.individualsystemics.com/de/

Gabrielle Riek

Gabrielle Riek (HP Psych.) war Schülerin von Artho Wittemann, bis es 2009 zum Bruch kam. Ihre Arbeit basiert noch heute auf dem bei ihm Gelernten. Sie richtet ihre Arbeit allerdings langfristig ganz auf die Verborgenen Machtpersonen aus. Das Aufweichen ihrer Reaktionshaltungen versteht sie als Grundlage tiefgreifender Heilung.